Politik wie niemand sie braucht: Kinder als Mittel zum Zweck bei der SPD

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Kinder als Mittel zum Zweck werden „so“ gerade bei der SPD dargestellt. Die Rubrik brennpunkt im SPD-Magazin (02/2006) enthält dieses Mal eine in meinen Augen streitbare Position. Ja, die Geburtenziffer ist rückläufig. Aber nein, wir müssen deshalb nicht alle sofort mehr Kinder kriegen. Kriterien wie die Demographie müssen nicht zwangsläufig in dieser Strategie enden. Die Parteimitglieder sollten den Beitrag im Heft kritisch begutachten. Gerade der Aufhänger der Artikelreihe, „brennpunkt“, bietet Raum für Kritik.

Im aktuellen „brennpunkt“ im SPD-Magazin heißt es:

„Kinder geben dem Leben erst richtig einen Sinn. Das ist in Deutschland etwas aus dem Blickfeld geraten. Vor allem gut ausgebildete junge Paare bekommen immer weniger Kinder. Zu lange Ausbildungszeiten, unsichere Arbeitsplätze oder – wenn man es in einen Job geschafft hat – zu wenig Zeit für Familie und Partnerschaft, das sind nur einige der Gründe. Zudem bedeuten Kinder oft Verzicht auf ein Gehalt, weil mangels öffentlicher Betreuung ein Partner zu Hause bleiben muss. Anderer Länder sind da schon weiter. Von ihnen können wir lernen – damit Deutschland das kinderfreundlichste Land Europas wird“.
brennpunkt, S. 6.

Kinder als Mittel zum Zweck

Das Zitat bietet eine Menge Raum für Kritik. Kinder gäben dem Leben erst einen Sinn, heißt es in dem Beitrag. Dies Begründung ist infam. Damit wird subtil die Verantwortung von einem Individuum auf ein anderes abgewälzt. Kinder können sich im Leben nicht frei entfalten, wenn Sie unter dem Druck geboren werden, einen Zweck zu erfüllen. In der Schule lernen wir, dass dieser Gedanke nicht nachhaltig ist. Dabei ist es egal, ob es der Geschichts-, Sachkunde- oder Sozialkunde-Unterricht ist, der das Urteil vermittelt. Kinder werden im aktuellen „brennpunkt“ als eine Art Alterssicherung gezeigt. Das Zitat bietet freilich noch mehr Anknüpfungspunkte. Doch den Gedanken „Kinder als Mittel zum Zweck“, kann es nicht abschütteln.

So wenig, wie Kinder die eigene Altersversorgung sichern sollten, dienen sie als ein Substitut für Langeweile der Parentalgeneration. Am Ende müssen Kinder auch keine Sterbehilfe leisten. Sie möchten sich verewigen? Vielleicht schreiben Sie dann lieber einen Bestseller. Denn „Viele“ tradieren Ihr Gedankengut deutlich besser als nur einige wenige.

Bevölkerungsentwicklung…

Empirisch können wir das Argument der Demographie belegen. Ja. Die „Deutschen“ bekommen im Schnitt immer weniger Kinder. Entsprechend sind wir aufgrund des Renten- und Sozialsystems auf Einwanderung angewiesen. Selbst wenn wir von jetzt auf gleich wie die Karnickel vorgingen, würde sich vorerst nichts daran ändern; Demographie bedeutet aber nicht nur einen Unterschied im Alter der gesellschaftlichen Akteure.

Einige Politiker verbrannten sich bereits den Mund mit sehr oberflächlichen Parolen. Sie wiesen auf den Umstand hin, dass Akademiker-Familien wenig Kinder zur Welt bringen. Das ist Ausdruck elitären Denkens. Treibt man den auf die Spitze, würde man nur die Benachteiligung unterer Bildungsschichten weiter vorantreiben. Wer solche Gedanken hofiert, lehnt sich zurück und hofft, dass die Elite sich reproduzieren möge.

…und Bildung

Jahrzehnte nach der so genannten Bildungsexpansion sind die Teilnehmer aus den unteren Bildungsschichten weiterhin unterrepräsentiert, wenn es um hohe Bildung geht. Das lässt sich statistisch nachweisen. Die Teilnahme von Arbeiterkindern am höheren Bildungsbetrieb ist damals wie heute erschreckend gering. Anstatt zu hoffen, dass die Eliten sich nicht auf ihrem Wohlstand ausruhen, sollte man der Masse helfen, ihre Fähigkeiten auszubilden. Dazu müssten jedoch gerade die oberen Zehntausend mit gutem Beispiel vorangehen. Deren Sprösslinge haben in Teilen aber leider ein anderes Problem: Sie sind nie um eine Ausrede verlegen, zu erklären, warum drei Studiengänge zu keinem Abschluss führten. Die Geldelite nämlich hat vorwiegend strunzdumme Kinder. Die können nämlich nicht erklären, warum mehrere hundert Euro als Gegenwert für ein Stück Stoff zu keiner Zeit in Frage gestellt werden. Abgrenzung gegenüber Otto Normal ist nur eine Ausrede. Denn gebildete Zeitgenossen erkennen in einer noblen Modemarke nur eine Mäusefalle des Kapitalismus. Objektiv besteht kein Anlass dazu. So wird nur ein Fehler vergangener Tage wiederholt. Die Aristokraten mochten den Pomp ebenso. Gegen die Moral der Bürgerlichkeit hat dieser nichts getaugt.

Arbeitsteilung außer Acht gelassen

Der „brennpunkt“ der SPD thematisiert den Faktor Zeit. Familien von heute haben zu wenig davon, wird argumentiert. Sie können Kind(er) und Arbeit nicht unter einen Hut bringen. Wenn wir uns die Zeit nehmen, Kinder zu kriegen, dann ist das eine Form von Luxus? Es ist vor allem eine Form von Selbstbestimmung. Die letzten Jahrhunderte haben uns zu einer arbeitsteiligen Gesellschaft gemacht. Selbst die Erziehung der Nachkommen müssen wir nicht mehr selbst bewerkstelligen. Leistungssportler verzichten auf Vieles. Sie werden dafür gefeiert. Dann sollten andere nicht dafür gesteinigt werden, wenn sie keine Kinder kriegen. So wie nicht jeder Top-Athlet wird, muss eben auch nicht jeder Kinder kriegen. Der Fortbestand der Menschheit bleibt trotzdem gesichert.

Welche Rolle spielt der Nationalstaat?

Der eingeschränkte Blick auf Deutschland wird in 100 Jahren dem Zeitgeist zum Opfer fallen. Der Nationalstaat erlebt keine Renaissance. Darin sind sich Sozialwissenschaftler, Ökonomen, Anthropologen und viele andere einig. Es ist kein Problem, wenn anderswo ein Kind geboren wird. Unter dem Deckmantel der Globalisierung verbirgt sich ein vielschichtiger Maßstab. Den müssen wir erst in all seinen Facetten erkennen und anerkennen. Denn nur dann bereiten wir den Fortbestand der Menschheit wirklich vor. Wenn wir vom „Think big“ zunächst überfordert sind, darf der Maßstab vorerst auch europäisch ausfallen. Dann lassen wir die Franzosen und Skandinavier mehr Kinder kriegen als die Deutschen und Italiener. Die Möglichkeiten, die sich uns dann bieten, sind deutlich vielfältiger. Wir können ewig Angst haben und sogar eifersüchtig sein auf das, was der Andere hat. Wir können uns aber auch freuen, wenn dieser etwas erreicht und bereit ist, etwas davon abzugeben. Den Weg zu gehen ist wertvoller als auf dem Ziel zu bestehen. Wenn am Ende „nur“ (m)eine menschliche Existenz steht, darf ich mich trotzdem glücklich schätzen.

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Geschrieben am: 11.02.2006
Zuletzt aktualisiert: 08.12.2017
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