Musikmächte im Kampf gegen Filesharing-Windmühlen

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Viele, die selbst nicht genau wissen, worum es sich dabei eigentlich handelt, haben zumindest den Begriff “RIAA” schon ein Mal vernommen. Die RIAA ist ein Verband der amerikanischen Musikindustrie und nicht wirklich mit der GEMA hierzulande vergleichbar. Eher noch übernimmt die RIAA in den USA Aufgaben, die in Deutschland und international die IFPI wahrnimmt. Während die GEMA die Rechte der Künstler vertritt, vertreten die RIAA und die IFPI ganz und gar die Belange der Musikindustrie. Es geht um Geld, um viel Geld.

Free Peers und Bearshare im Mai

Immer mehr Tauschbörsen-Betreiber werden in Amerika vor den Kadi gezogen. Im Mai dieses Jahres musste die Firma Free Peers sich auf einen Vergleich mit der amerikanischen Musikindustrie einigen. 30 Millionen Dollar an Schadenersatzforderungen wurden den Entwicklern der Tauschbörse Bearshare abverlangt, wie einschlägige Medien damals berichteten. Die Summe befreite die Entwickler davon, sich in Zukunft weiteren Schadenersatzforderungen ausgesetzt sehen zu müssen. Ein Kampf, wie so oft David gegen Goliath.

Free Peers verpflichtete sich dazu ihre Bearshare-Technologie an einen ehemaligen Konkurrenten abzutreten: iMesh. Seines Zeichens selbst eine ehemalige Tauschbörse, über die illegale Dateiübertragungen zu Hauf stattfanden, ist iMesh nun ein Stiefkind der Musikindustrie. Man einigte sich im Sommer 2004 mit iMesh auf eine Ausgleichszahlung von 4,1 Millionen US-Dollar. Ein Jahr wurde es still um iMesh, bis die Tauschbörse dann, erweitert um eine Funktion des Digital Rights Management (DRM), fortan legal Musik im Namen der Musikindustrie vertrieb.

eDonkey im September am Haken

Kein halbes Jahr nachdem sich die RIAA mit Free Peers einigte, sind nun auch die Entwickler der beliebten Tauschbörsen-Software eDonkey mit den Vertretern des amerikanischen Musikverbands einig geworden. Wie jüngst berichtet wurde, leistet nun auch die Firma MetaMachine keinen Widerstand mehr. Die Hersteller von eDonkey und Overnet ließen sich ebenso wie die Bearshare-Betreiber auf eine einmalige Ausgleichszahlung in Höhe von 30 Millionen US-Dollar ein.

Es hatte lange gedauert, bis der Fisch MetaMachine endlich am Haken hing. Im September 2005, vor einem Jahr also, hatte die RIAA bereits Unterlassungsaufforderungen an die Firmenbetreiber verschickt. Damals traf man sich mit Sam Yagan, Präsident von MetaMachine, vor einem Ausschuss des US-Senats zu einer Anhörung. Yagan versprach, nicht ohne vorher auf die Fahrlässigkeit des Vorgehens der RIAA hinzuweisen, die Tauschbörse vom Netz zu nehmen, und sich den Wünschen der RIAA entsprechend zu verhalten. Doch erst jetzt, ein Jahr nach der Anhörung, wurden Overnet und eDonkey unschädlich gemacht. Die Software, die sich eigenständig aktualisiert, hatte nach neuestem Update eine Routine integriert, die das Programm auf den Rechnern der Benutzer deinstallierte.

Gerüchte um Verbleib von Betreibern

Auch gegen andere Betreiber von Tauschbörsen-Software ging die RIAA vor und wird sich von diesem Weg nicht abbringen lassen. Yagan hatte noch letztes Jahr gerügt, man würde wenig geschickt vorgehen, und in den USA eine gesamte Technologie in ihrer Entwicklung hemmen. Im Umkehrschluss würde man die Technologie teuer aus dem Ausland erwerben. Als Beispiel nannte er die P2P-Technologie der Skype-Entwickler, die man bei eBay erwarb.

Schon 2005 wurde berichtet, dass sich einige Strukturen nicht ganz so einfach sprengen lassen würden. Diverse Entwickler setzten sich auf die südpazifische Inselgruppe Vanuatu ab, hieß es. Kein Einzelfall, hieß es. Denn sowohl die ehemals kanadischen Betreiber des WinMX-Netzwerkes, Frontcode Technologies, als auch die Betreiber des KaZaA-Netzwerkes von Sharman Networks waren, so hieß es, auf diese Inseln umgezogen. Die einzigen Hinweise darauf, dass sich die Frontcode Technologies auf dem süfpazifischen Archipel befinden könnten, war damals die Neu-Registrierung der Domain WinMX.com im Oktober 2005 mit Sitz des Inhabers auf Vanuatu. Im September desselben Jahres hatte man sowohl die eigenen Firmenseiten, als auch die Domain WinMX.com vom Netz genommen, nur um sie einen Monat später zumindest wieder zu registrieren. Noch heute, knapp ein Jahr später, gibt es jedoch keine aktive Webseite unter der Domain zu erreichen und einzig Hobbyprogrammierer aus einer lebendigen Fangemeinde halten das Projekt WinMX am Leben. Die Domain WinMX.com ist mittlerweile auf die Firma Moniker Privacy Services aus dem US-Bundesstaat Florida registriert. Hartnäckigen Gerüchten um den Verbleib der ehemaligen Entwickler der Tauschbörse entzieht das ein Stück weit den Nährboden.

Kazaa scheidet die Geister

Obwohl Kazaa, wie es scheint, von Nutzern nie wirklich akzeptiert wurde, und diese etliche Vorbehalte gegen die Software Kazaa Media Desktop hatten, kam es doch wegen zu hoher illegaler Nutzung zu Konflikten mit der RIAA. Wie Heise online berichtete, einigte man sich im Juli dieses Jahres auf eine Abfindungszahlung in Höhe von 100 Millionen US-Dollar. Darüber hinaus baute der Hersteller Sharman Networks einen Filter in die Software ein, der es verhindern soll, urheberrechtlich geschützte Inhalte über die Software zu verbreiten. Der Tausch von Musikdateien ist weiterhin möglich, allerdings nur, wenn diese speziell dafür lizenziert wurden.

Lange Zeit jedoch sah es überhaupt nicht danach aus, dass Kazaa der RIAA als großer Fisch ins Netz gehen würde. 2001 wurde die Software von den Skandinaviern Niklas Zennström und Janus Friis zuerst veröffentlicht. Wie die Technologie hinter der Tauschbörse, FastTrack, so hieß auch die Firma damals. Vorteil an der Technik sei ihre vollkommen dezentral organisierte Struktur. Es bedürfe keiner so genannten Server, ständig zwischengeschalteten Rechner, die Suchanfragen und Dateiverkehr über das Internet organisierten. Die Originalsoftware wurde von den Benutzern verpönt, stattdessen machte man von Alternativen Gebrauch, die ebenfalls auf das FastTrack-Netzwerk zugreifen konnten. Die Hochphase Kazaas wird auf das Jahr 2003 beziffert. In dieser Zeit sollen circa 4.5 Millionen Nutzer über das Netzwerk getauscht haben. Im Sommer 2006 hat sich die Zahl auf unter die Hälfte, auf nur noch knappe 2 Millionen Benutzer reduziert (vergleiche Slyck News).

Die Original-Software wurde weitgehend von Laien und wenig interneterfahrenen Nutzern gebraucht. Das machte Kazaa und die Nutzer zu einem ausgesuchten Ziel der internationalen Vertreter der Musikverbände. In über drei Jahren zettelte die RIAA an die 16000 Gerichtsverfahren gegen Kazaa-Tauschbörsler und -börslerinnen an. Die Nutzer allerdings grollten eher mit den Musikverbänden, als mit den Machern von Kazaa. Doch die zeigten sich gegenüber beiden Seiten recht uneinsichtig. Nachdem man zuvor wenig auf die Wünsche der Nutzer eingegangen war, strengte die Chefetage sogar Gerichtsverfahren gegen Privatpersonen an, die im Internet negative Berichterstattung über die Original-Software Kazaa Media Desktop und Sharman Networks verbreiteten, und zogen sich den Unmut eines Großteils der Fangemeinde des FastTrack-Netzwerks zu (siehe ebd.). In der Folge schwanden FastTrack die Benutzer und Sharman Networks hatte an zwei Fronten eine Schlacht zu schlagen.

Die australische Firma hatte sich 2004 Kazaa angenommen, als das Programm drohte der Illegalität bezichtigt zu werden. Dieses Etikett konnte man so nicht loswerden. Stattdessen wollte man nach langwierigen Gerichtsverhandlungen, dem Einbau von Wortfiltern, und schließlich einem negativen Gerichtsurteil im Dezember 2005, die Software für Australier zum Herunterladen unzugänglich machen. Eine Placebo-Maßnahme seitens der Entwickler, die man ankündigte, jedoch nicht in die Tat umsetzte (siehe Slyck News). Zeit geschunden, die Streitigkeiten aufgeschoben, aber eben nicht beigelegt. Der Richter im australischen Verfahren, Murray Wilcox, behielt jedoch einen kühlen Kopf. Er riet den Vertretern des Verbands der australischen Musikindustrie (ARIA) nicht dazu, wegen der Versäumnisse und Missachtung des ersten Urteils in Sachen Sharman Networks, eine weitere Anhörung einberufen zu wollen. Das würde das Verfahren nur unnötig verlängern, war Wilcox doch selbst davon überzeugt, das Verfahren dauerte bereits zu lange (über ein Jahr).

Erst das neuerliche Gerichtsurteil aus dem Jahr 2006, das die Hersteller von Kazaa nun jedoch zu globalen, allumfassenden Maßnahmen zwingt, brachte die erhoffte, wenngleich teuer erkaufte Ruhe. Sowohl die Vertreter der Musikindustrie (RIAA, IFPI) äußerten sich positiv, als auch die Betreiber selbst. P2P-Technologie, wie sie in allen besprochenen Tauschbörsen zum Einsatz kam und in vielen Fällen eben noch kommt, würde nun nicht mehr auf Kriegsfuß mit den Inhalte-Anbietern stehen, erfuhren interessierte Leser.

Windmühlen wohin man sieht

Trotz der erzielten Erfolge der RIAA und anderer lokaler und internationaler Verbände der Musikindustrie in den Gerichtssälen dieser Welt: Es ist kein Ende im Kampf gegen Tauschbörsen und illegale Dateitransfers in Sicht. Zumindest ist derzeit noch kein Ende absehbar. Oblgeich eDonkey und Overnet ein Bühnenverbot erhielten, ist das Netzwerk hinter eDonkey nicht still. Denn bereits relativ zu Beginn der Karriere von eDonkey traten andere Spieler aus dem Schatten und übervorteilten die graue Eminenz. Wenn sonst Schüler oft ihre Lehrmeister ablösen und ihre Nachfolge antreten, so schicken sich nun nach dem Abtritt der eDonkey-Software etliche Alternativprodukte an ihre Erfolge noch auszubauen. Für das ehemalige eDonkey-Netzwerk tun das neben vielen anderen vor allem eMule und mldonkey. Beide Produkte waren bereits zu Zeiten eDonkey mitunter erfolgreicher als das einstige Urgestein selbst.

Der eMule-Client erlebte allein in den letzten vier Wochen zahlreiche Updates. Eines davon erleichtert den anonymen Datenverkehr, verschlüsselt und verschleiert es nämlich die Herkunftsadresse der einzelnen Dateipakete bei der Übermittlung. eMule wurde bereits 2002 veröffentlicht. Gedacht war es als verbesserte Benutzeroberfläche für das eDonkey-Netzwerk. Doch bereits letztes Jahr wurde der Thronfolger in arrivierten Online-Medien wie golem als eigentlicher Star des Netzwerkes beschrieben. Die eMule-Software, berichtete Golem, würde den Ergebnissen einer Studie folgend, den meisten Verkehr im eDonkey-Netzwerk produzieren. Seit 2005 wurden vermehrt auch Gerichtsverfahren von der Musikindustrie gegen Privatpersonen in Deutschland geführt. Mit Einzelaktionen, beispielsweise gegen 3500 Nutzer aus dem Raum Köln im Mai 2005, konnte man temporär den Tauschbörsenverkehr über das eDonkey-Netzwerk um bis zu 15% reduzieren. So deuteten es die Ergebnisse der Studie damals an. Sie zeigten aber ebenso, dass binnen einiger Wochen die alten Verhältnisse sich wieder einstellten.

Druck aus den Vereinigten Staaten

Neben den bereits erwähnten Anwendungen und Netzwerken gab es in der Vergangenheit vor allem auch gegen so genannte BitTorrent-Nutzer und Seitenbetreiber Ermittlungen. In den USA hat nun ein 24-Jähriger seine Schuld gestanden, im Dezember wird der Urteilsspruch erwartet. Das berichtet ein Szeneblog. Ihm drohen bis zu 5 Jahren Gefängnisstrafe. Das BitTorrent-Protokoll ging zunächst einen prinzipiell anderen Weg, als sonstige Tauschbörsensysteme. Im Gegensatz zu diesen, war es bei BitTorrent nicht usus, parallel zum eigenen Download auch Dateien zum Upload anzubieten. Aus diesem Grund war das System in zwei Teile gegliedert, die dem Anbieten der Dateien und dem Herunterladen zugeordnet waren. Doch auch das hat sich ber die Zeit geändert. Um die Last von den Servern (auch Tracker genannt) zu nehmen, konnte irgendwann die Client-Software ebenfals Dateipakete an Benutzer verschicken, die die gleiche Datei herunterluden.

Das Schuldeingeständnis des 24-jährigen Scott McCausland stammt aus einem Fall, der mit der Schließung eben eines Servers (Trackers) stammte. In dem Fall von Elitetorrents ermittelte sogar die US-Bundespolizei FBI. Dass vor allem die Amerikaner im Vertreten ihrer wirtschaftlichen Interessen kein Pardon kennen, belegen diverse Pressezeugnisse europäischer Medien. Vor allem auf Druck der amerikansichen Interessenverbände RIAA und MPAA wurden auch außerhalb Amerikas Polizeiaktionen und Gerichtsverhandlungen angestrengt. So auch im Fall der schwedischen Internetseite Pirate Bay. Diese hatte so genannte torrent-Dateien verlinkt, die notwendig sind, um über BitTorrent an die entsprechenden Dateien im Tausch zu gelangen. Selbst in der deutschen Berichterstattung las man die Eintschätzung, dass die Razzia, die von Schwedens Polizei im Fall von Pirate Bay durchgeführt wurde, umstritten sei. Pirate Bay hat selbst keine Dateien direkt zum Download angeboten, lediglich so etwas wie einen Index betrieben. Nach schwedischem Recht ist dies jedoch nicht strafbar. Warum es überhaupt zu der Polizeiaktion kam, ist ungeklärt, vielmehr ein schlecht gehütetes Geheimnis. Die amerikanische Administration solle Schweden sogar damit gedroht haben, das Land wirtschaftlich zu sanktionieren. Die Geschehnisse rund um Pirate Bay wurden sogar zum innenpolitischen Streitfall erklärt.

Kein Ende in Sicht

So wie es sich eben im Kampf gegen Windmühlen ergibt, ein Ende ist meist nicht in Sicht: Ob die Industrie sich in ihren Anstrengungen gegen die immer weniger unsichtbare Masse von illegalen Tauschbörsenbenutzern sich zu sehr verausgaben kann, wird die Zeit zeigen. Eine Sisyphosarbeit, bei der die Interessenverbände die Möglichkeit haben, am Ende sogar noch besser aus den Querelen hervorzugehen als ihr literarisches Vorbild, Don Quichote.

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Geschrieben am: 17.09.2006
Zuletzt aktualisiert: 12.01.2016
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