Deutlich unter

Siemens tut es Leid, und dem Firmensprecher der BENQ Mobile GmbH fehlen die Argumente; Deutlich unter den Erwartungen sei das Geschäft bislang geblieben, die man sich selbst gesteckt habe, lies Marco Stülpner verlautbaren. Doch dann die Prognose: Deutlich unter den Erwartungen werde auch das kommende Weihnachtsgeschäft liegen.

Dass die Prognosefähigkeit im Allgemeinen etwas Kompliziertes ist, haben die verfehlten Wahlprognosen im Vorfeld der letzten Bundestagswahlen in Deutschland gezeigt. Akademiker wissen dies, insofern sie in ihrem Studium die Ohren gespitzt haben. Es ist eine Binsenweisheit und es ist sogar mehr als das. Dass man allerdings mit derlei Nachricht schon selbst dafür sorgt, dass niemand mehr Mobiltelefone des Anbieters erwerben mag, der in Zukunft ja gar nicht mehr vorhanden sein wird, ist auch klar. Ein gewiefter Schachzug? Alltagspsychologie als Strategie in der Wirtschaft.

Insolvenz

Es ist dies jedoch alles, auf dem die Begründung der Benq Mobile GmbH einen Insolvenzantrag zu stellen fußt. 1600 Stellen in Bocholt und Kamp-Lintfort und weitere 1400 Stellen in der Zentrale in München sind davon betroffen. Betroffen nicht nur im Sinne persönlicher Schicksale Einzelner. Juristen, die gemeinhin schon ein Mal als Rechtsverdreher entlarvt werden, weil sie alle Tricks kennen um jenseits von Gut und Böse zu handeln, aufstrebende BWL-Studenten, die sich für das schnelle Geld nicht zu schade sind und sich deshalb auch schon Mal die Hände schmutzig machen – sie alle und weitere mehr wissen, wie der Begriff “schade” und die Erklärung “uns tut es Leid” zu füllen sind. Der taiwanesische Mutterkonzern hat Lunte gerochen, wie man in Deutschland günstig an Know-how gelangt.

Kein Wirtschaftsweiser mag jetzt noch die Augen verschließen vor so viel Dreistigkeit. Natürlich ist es “schade”, aber es war abzusehen. Lippenbekenntnisse, die an die Öffentlichkeit gegeben werden, verschleiern die eigentlichen Hintergründe. Hier wurde und wird (über das Weihnachtsgeschäft hinaus) fahrlässig gehandelt: Als vor gut einem Jahr die Handysparte vom taiwanesischen Mutterkonzern aufgekauft wurde, wohlgemerkt ein 3000 Mitarbeiter starkes Segment aus einer Siemens AG heraus gekauft, gründete man extra zu diesem Zweck eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Damit einem niemand etwas nachsagen konnte – man wollte nicht wie im italienischen Fußball oder der Rennserie Formel 1 der Schiebung bezichtigt werden, und, weil man ja vielleicht wirklich auf den dicken Reibach gehofft hatte (Glücksspiel ist in Deutschland erlaubt, lediglich das Bewerben davon wird manchmal und manchmal wieder nicht in Frage gestellt). Damit also die Weste nicht zu heiß gekocht werden musste, um weiß zu bleiben, wartete man ein Jahr, ließ den Deckel drauf und die Expertise gären. Nun bedient man sich ihrer und schließt daher die Pforten. Da haben sich das deutsche Recht und die deutsche Bürokratie zum erneuten Male selbst ausgetrickst. Eine GmbH haftet mit ein paar Zehntausend Euronen vor ihren Gläubigern – die Arbeitskräfte jedoch werden in die Röhre gucken. Billig verdientes Know-how auf dem Rücken des kleinen Mannes. Eine Posse.

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Geschrieben am: 28.09.2006
Zuletzt aktualisiert: 28.09.2006
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