Shortnews unwissenschaftlich, Versuche immer erfolgreich

Mediale Berichterstattung von Laien ist manchmal ein Graus, zumal, wenn sich ihre zugrunde liegenden Informationen selbst nur aus Käseblättern wie 20min.ch speist. Boulevardesk eben. Redlich verdient hätte sich der Benutzer mit dem Spitznamen “Katerle” von der Nachrichtengemeinschaft Stern-Shortnews ein Etikett für seine grauenhafte Zusammenfassung.

Nackt beobachtend

Fakt ist, eine Kunst-Studentin aus den Niederlanden hat sich zu experimentellen Zwecken ausgezogen, und ist derart unbekleidet durch die Stadt gelaufen. Sie wollte die Reaktion der Passanten “beobachten”. Beobachtung ist eine Möglichkeit in den Sozialwissenschaften, um zu mehr oder weniger aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen.

Nun hat die junge Dame die Gesetzeshüter unterschätzt. Ihrem Experiment, das sie aus der Ich-Perspektive mittels einer digitalen Filmkamera dokumentierte, wurde jäh ein Ende gesetzt.

Im letzten Absatz seiner knappen Zusammenfassung lautet der Kommentar von Katerle:

“Jedoch fehlte ihr die Zeit für ihr Experiment, denn schon bald war die Polizei zur Stelle. Ob der Versuch ein Erfolg war, darüber konnte bisher noch nichts gesagt werden.
Katerle

Der von mir fett vorgehobene Teil, auf ihn kommt es mir besonders an. Sozialwissenschaftliche Experimente der Gelingensbedingung zu unterwerfen grenzt an blanken Hohn. Was für Ergebnisse müssten sich denn zeigen, wenn die Studentin ihr Experiment als “Erfolg” bezeichnen wollte? Diese Frage scheint sich Katerle nie gestellt zu haben. Es kommt nämlich nicht auf das Ergebnis an. Das ergibt sich von selbst, wenn die Rotterdamer Nackedei ihr Bildmaterial auswerten wird.

Bereits vor Max Weber wurde in der Soziologie über den Verwertungszusammenhang gesprochen. Es ist als höchst unwissenschaftlich zu bezeichnen, wenn am Anfang einer Studie die Ergebnisse bereits derart festgelegt sein sollen, dass sie beispielsweise der Tabakindustrie zugute kommen sollten. Und “nur”, wenn die Ergebnisse so ausfallen, wäre die Studie ein Erfolg? Mitnichten. Ganz gleich, welches Ergebnis am Ende verzeichnet werden wird, es wird eine Aussage gemacht werden können.

Qualitatives Werkzeug

Wenn man sich als angehende Soziologin zudem dem Mittel der Beobachtung bedient, dann werden die Schlussfolgerungen sehr variabel ausfallen können. Einzig die Aussagekraft der bewegten Bilder könnte als wenig repräsentativ abgetan werden, zum einen wegen der durch die Polizeigewalt erzwungene Kürze, zum anderen ob der nicht wenig beeinflussenden Versuchsanordnung. Es gibt Versuchsanordnungen, bei denen schon im Vorfeld diagnostiziert werden kann, dass sie wenig brauchbare Ergebnisse liefern werden.

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Geschrieben am: 03.11.2006
Zuletzt aktualisiert: 12.01.2016
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