Interview zur Zukunft von SelfHTML

SelfHTML
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Vor nun etwas über einer Woche machte Nachricht die Runde, dass Stefan Münz, Mitbegründer des Projektes SelfHTML, die Brocken hinschmeißen würde. SelfHTML ist ein ehrgeiziges Projekt, das eine Dokumentation zur Seitenbeschreibungssprache HTML im Web verfügbar macht. Es ist ein gemeinnütziges Projekt hinter dem ein Verein steht. Aktuell in Version 8 vorhanden, stand man offenbar vor der Entscheidung, ob man SelfHTML in der derzeit vorliegenden Form weiterführen, oder ein dynamisches Wiki daraus machen wollte.

Thomas Sebestyen aus Wien, einem Verantwortlichen bei SelfHTML, stellte ich in einem Interview ein paar Fragen, um Klarheit über die Zukunft des Projekts zu erhalten. Sebestyen ist, wie er selbst sagt „ein Mann der ersten Stunde“ und war seit 1998 immer schon so etwas wie ein „Mädchen für alles“. Das bedeutet, dass er gleichermaßen inhaltlich wie organisatorisch mitgewirkt hat, unter anderem das eine oder andere Offline-Treffen organisierte. Er ist Gründungsmitglied des Vereins: offiziell der Schriftführer. Sebestyen koordinierte eine Spendenaktion mit, und er hat das „sagenumwobene“ SDML entwickelt.

Alexander Trust: Über Heise wurde bekannt, dass einer der Mitbegründer, Stefan Münz, das Projekt verlässt. Im SelfHTML-Blog wurde in einer Stellungnahme auf den Artikel verwiesen. Bedeutet das, dass man erst indirekt von Münz‘ Vorhaben erfuhr, die Brocken hinzuwerfen?

Thomas Sebestyen: Nein. Stefan hat seinen Abschied schon vorher bekannt gegeben. Zuerst intern bei uns Developern, dann in der Mailingliste zum Wiki, woher dann auch Heise die Information bezog.

Im Heise-Artikel wird dargestellt, dass die Vorzeichen nicht immer auf einen Abgang von Stefan Münz standen. Warum jetzt doch diese Entscheidung?

Dazu – auch noch zur ersten Frage – hat Stefan im SELFHTML-Forum einen Beitrag geschrieben. Da Stefan seine Beweggründe dort ausführlich beschreibt, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen.

Ist die im Artikel erwähnte Ankündigung des Mitentwicklers Swen Wacker, das Projekt nicht mehr aktiv zu unterstützen, schon in die Tat umgesetzt? Es wurde leider nicht deutlich, ob der Ankündigung bereits Taten folgten.

Ja, Swen hat mit sofortiger Wirkung jegliche Mitarbeit im Projekt eingestellt. Er führt die Geschäfte des Kassierers des Vereines SELFHTML e.V. bis zur Neuwahl eines Nachfolgers weiter.

Gab es nicht die Möglichkeit, den Graben, der sich zwischen Befürwortern und Gegnern eines Wiki-Projekts aufgetan hatte, zu schließen, oder gar autonom in beiden Angelegenheiten fortzuarbeiten?

Von einem Graben kann man in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Das Wiki war nicht der Grund, sondern der Ausdruck eines Diskussionsprozesses und Meinungsunterschiedes der unterschiedlichen Herangehensweisen hinsichtlich des Publikums. Denn einerseits besteht der Anspruch, technich auf einem hohen Niveau zu publizieren, anderseits soll dabei das Motto von SELFHTML „Die Energie des Verstehens“ nicht zu kurz kommen. Einer Herangehesweise also, die den Anfänger, der erst mal das nötige Rüstzeug lernen will, an das Thema heranführt.

Das Problem des Projektes ist die Frage, wie man neue aktive Mitstreiter gewinnt, die willens und in der Lage sind Wissen beizusteuern und sowohl den langen Atem als auch die Freude am Schreiben haben.

Das Wiki wurde als ein Experiment gestartet, deshalb habe ich es erst auch auf meinem Server installiert.[*] Unter dem Titel „Das SELFHTML-Wiki stellt sich vor“ haben wir im SELFHTML-Blog einen Beitrag dazu veröffentlicht. Wir waren alle überrascht, wie unterschiedlich die Reaktionen zu einem SELFHTML-Wiki ausgefallen sind, und das nicht nur in unserem eigenen Blog und Forum. Vom Heise-Forum bis hin zu verschiedenen Blogs wurde teils heftig Pro und Kontra eines solchen Wikis für SELFHTML diskutiert. Obwohl wir das Wiki als Experiment betrachteten, trugen so unterschiedliche Meinungen dennoch nicht dazu bei, dass wir eine klare Entscheidung hätten fällen können.

[*] Aufgrund des „Heise-Anstrums“ auf den Server habe ich das Wiki auf eine neue, zugangsgeschütze Adresse umgezogen. Die Arbeiten im und am Wiki haben also nicht aufgehört, aber etwas weniger öffentlich stattgefunden. Für Interessierte stand und steht die Mailing-Liste weiterhin offen und ein Zugriff auf das Wiki war und ist nach kurzer Anmeldung möglich.

SELFHTML hat sich lange Jahre als Dokumentation für viele Webschaffende etabliert, Kleine wie Große. Wird der Fortgang von Stefan Münz dazu führen, dass das Projekt nun perspektivisch ausläuft? Anders gefragt, wie planen die Verbliebenen Projektmitglieder die Fortführung des Vorhabens?

Als Stefan die Dokumentation in die Obhut eines Redaktionsteams legte, zog er sich aus beruflichen wie privaten Gründen aus der aktiven Entwicklung des Projekts zurück, blieb aber als Ideen- und Ratgeber weiterhin präsent. Die Entwicklung des SELFHTML-Raumes lief schon vorher über das Entwicklerteam. Nach der Übergabe der Dokumentation wurde auch ein Redaktionsteam ins Leben gerufen, das die Dokumentation betreut. Die erste große, sichtbare Arbeit dieses Teams war die im März 2005 erschienene Version 8.1. Stefans „offizieller“ Weggang ist nun ein Schritt, der inoffiziell also schon länger stattgefunden hat, wobei dies nicht bedeutet, dass sein Abschied uns nicht getroffen hätte.

Dass es keinem von uns daran liegt, das Projekt hinzuwerfen, zeigt sich auch in der voranschreitenden Arbeit an der Version 8.1.2 von SELFHTML, dessen Veröffentlichung in den kommenden Wochen bevorsteht. (Auch wenn man Python oder Ruby weiterhin vergeblich in der Dokumentation suchen wird, sind z.B. die Neuerungen CSS 2.1 betreffend und Tests mit dem IE7 einige Bestandteile der kommenden Version.)

Gibt es Überlegungen um die Außenwirkung des Projekts wieder lebendiger zu gestalten, damit das Projekt langfristig Unterstützung erfährt? Wenn ja, wie schauen diese aus?

Die Diskussion um die künftige Form läuft schon länger und war auch vor dem Ausstieg von Stefan und Swen noch nicht abgeschlossen. Mathias Schäfer (molily) hat schon im SELFHTML-Blog einige der wesentlichen Fragen und Problemen umrissen. Wir müssen dabei nicht nur die Dokumentation berücksichtigen, sondern auch andere Teile des ausgedehnten SELFHTML-Raumes. Derzeit versuchen wir unsere eigenen Erwartungen an dem zukünftigen SELFHTML zu beschreiben, also eine greifbare Vision, ein gemeinsames, erklärtes Ziel auszuarbeiten, auf das die kommende Arbeit zielen soll. Unumgänglich wird es auch sein, dass wir uns endgültig für exakt eine Methode der Autorenarbeit entscheiden.
Ebenso ist es klar, dass wir dabei mehr auf die Öffentlichkeit – auch was das Voranschreiten der Arbeiten betrifft – setzen müssen, denn kein Werk, so auch nicht SELFHTML, schreibt sich von alleine. Diese Fragen also: ein klares Ziel zu formulieren, das zum Mitmachen bewegt, die Gestaltung der zukünftigen Autorenarbeit und die Gewinnung von aktiven Mitschreibern, stehen in den kommenden Monaten im Kern unserer Überlegungen.

In welcher Form wird bei SELFHTML für die Zukunft eventuell konkret Unterstützung gesucht, und was müssen Leute mitbringen, die sich an dem Projekt beteiligen wollen?

Unterstützung werden wir vor allem in der schon erwähnten Autorenarbeit brauchen. Das Wiki hat zwar viele Interessierte angezogen, jedoch haben nur wenige aktiv mitgearbeitet. Viele gute Köpfe haben wir aber auch nicht erreicht. SELFHTML hat einen durchgehend einheitlichen Sprachstil und versucht, nachdem wir wissen, dass wir weder alles berücksichtigen können noch wollen, die Balance zwischen Wissensvermittlung und technischer Korrektheit zu finden. Auch diese Ansprüche schrecken einige ab. Für welche Möglichkeit der Autorenarbeit auch immer wir uns letztlich entscheiden, zukünftige Mitautoren müssen vor allem eines mitbringen: den Willen und die Ausdauer zur aktiven Mitarbeit. Auch wenn man vielleicht nur einen „Artikel“ beiträgt oder wenn man lediglich als Korrektor mitarbeiten möchte, eine Dokumentation im Umfang von SELFHTML zu schreiben dauert viele Monate. Wenn das Interesse am Gesamtwerk aber schon nach zwei Wochen erloschen ist, erschwert das nicht nur die Pflege, sondern auch die Zusammenarbeit der Autoren untereinander. Und natürlich soll es nicht unerwähnt bleiben, dass ein gewisses Maß an Fachwissen benötigt wird. Das bedeutet keineswegs, dass man über alle Themen erschöpfend Bescheid wissen muss; wer sich „nur“ mit HTML auskennt ist ebenso wertvoll, wie jemand der ein eigenes Kapitel über XML schreiben kann.

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Geschrieben am: 05.02.2007
Zuletzt aktualisiert: 12.01.2016
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