Automatismus zur Autonomie

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Vor kurzem hat Norbert Lammert gesagt, Politiker sollten sich eine Talkshow-Pause gönnen. L. war der Auffassung, dass die gehäuften Auftritte in Gesprächsrunden nicht zu mehr Reputation oder einem Anstieg der Glaubwürdigkeit von Politikern in der Öffentlichkeit führten.

Viel eher noch sei das Gegenteil der Fall. Der Verlust der Glaubwürdigkeit von gewählten Volksvertretern schwelt schon eine ganze Weile im Mediendiskurs. Das ist ein Zeichen dafür, dass das Thema im Bewusstsein vieler Menschen angekommen ist. Medien fungieren als Resonanzböden von Stimmungen. Ob der Ton anklingt und Wellen schlägt, entscheidet immer der Rezipient (so zumindest meine Auffassung). Wenn es auch sei, dass er angebotenen Verlockungen nicht widerstehen kann, so trägt er doch maßgeblich dazu bei, dass ein Thema breitgetreten werden kann.

Vertrauensverlust eine Notwendigkeit

Ganz anders bei denjenigen Vertretern, die indirekt eingesetzt wurden – der Bundespräsident beispielsweise genießt durchaus mehr Vertrauen im Volk. Oft werden Fragen diskutiert, sogar von Politikern, wie man mit diesem Phänomen umgehen soll. Die am kürzesten gedachte Antwort, die zudem am häufigsten genannt wird: Man müsse sich wieder mehr Taten sprechen lassen. Politiker sind durch die Anforderungen, die an sie gestellt sind, meist nicht in der Lage, aus der Alltäglichkeit ihres Schaffens zu entkommen. Man kann ihnen deswegen nur bedingt etwas vorwerfen.

Gibt es ein wirksames Mittel gegen den Vertrauensverlust im Feld der Politik? Ich sage „Nein“ und möchte zu begründen versuchen, warum ebenjener Vertrauensverlust unter den gegebenen Voraussetzungen für mich notwendig erscheint und warum es überhaupt dazu kommt.

Prämissen: Systemtheorie und Bourdieu

Da ich nicht davon ausgehe, dass alle wissen, was es mit der Systemtheorie (z. B. nach Niklas Luhmann) oder dem Feld-Begriff von Pierre Bourdieu auf sich hat, möchte ich kurz erläutern, worum es sich handelt.

Systemtheorie – was ist das?

Niklas Luhmann verfolgte einen kommunikationsorientierten Ansatz der Systemtheorie. Man spricht von Kommunikationen, die zwischen Systemen stattfinden.
Die Systemtheorie hat den Anspruch, universal sein zu wollen, und also kann man festhalten, dass die Maßstäbe beliebig sind. Die Objekte werden willkürlich definiert, müssen jedoch gleichartig sein. Wenn wir uns die Ebene gesellschaftlicher Systeme anschauen, finden wir z. B. das System der Politik, der Wirtschaft, der Medien, usf. Alle Systeme werden für sich betrachtet und kommunizieren allerdings miteinander. Ihnen ist zudem eigen, dass sie nach Autonomie streben. Systeme streben nach Unabhängigkeit, sind dabei jedoch immer auf andere Systeme angewiesen. Welche Brille man aufsetzt und welche Systeme man in der Analyse betrachtet, das hängt davon ab, was man systemtheoretisch beschreiben möchte.

Um zu verdeutlichen, wie man sich die Systeme zu- und untereinander vorstellen kann, möchte ich folgendes Beispiel beibringen:

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Der TED-Talk von Blaise Aguera und Arcas hat auf den ersten Blick nichts mit dem Thema zu tun. Doch gezeigt wird zunächst Seadragon, das es erlaubt beliebig tief zu zoomen. So ähnlich darf man sich den Maßstab der Systemtheorie denken, den man beliebig justieren kann und Systeme auf einer Makroebene genauso annehmen kann wie auf einer Mikroebene. Zudem zeigt die zweite Anwendung Photosynth wie mithilfe von Metadaten einzelne Bilder (Teile, Elemente, Systeme) zu einem großen Objekt miteinander verbunden werden und eine schlüssige Funktionalisierung erlauben. Kommunikationen zwischen Systemen mag man sich ähnlich denken.

Pierre Bourdieus (politisches) Feld

Kommen wir nun zum Begriff des Feldes bei Bourdieu. Er steht eng in Verbindung mit dem Begriff des Raumes. Man mag sich einen sozialen Raum vorstellen, der anhand dreier Achsen aufgespannt wird. Dieser wird ausgefüllt von Feldern, die sich in der Tat überschneiden und überlagern können. Der Feld-Begriff ist auf der Mikroebene anzusiedeln, da er gesellschaftliche Akteure bzw. deren Rollen/Positionen in den Blick nimmt. Wie immer in der Wissenschaft handelt es sich um Modellvorstellungen, mit denen man die Wirklichkeit versucht zu beschreiben. Bourdieus Modelle sind indes immer anhand empirischen Datenmaterials entstanden. Als Ethnologe und Soziologe hat er unheimlich viele Beobachtungen angestellt.

Bourdieu hat viele Feld-Analysen durchgeführt, unter anderem das politische Feld. Der Feld-Begriff dient der Analyse der Sozialstruktur. Es gibt bei Bourdieu nicht nur ein oben und ein unten, wie in der klassischen Perspektive von Schichten oder Klassen, sondern auch eine weitere Dimension, die sich um das kulturelle Kapital ausbreitet. Um die Verhältnisse in Feldern anschaulich zu machen, hat Bourdieu sich beispielsweise Bezeichnungen eines religiösen Kontextes bedient. So spricht er immer auch von Orthodoxen (diejenigen, die an der Macht sind) und Heretikern (diejenigen, die nach der Macht streben).

Streben nach Autonomie entkoppelt

Wer jetzt annimmt, dass im politischen Feld die Regierungsanhänger die Orthodoxen seien und die Oppositionellen die Heretiker, der irrt. Denn sie alle zusammen glauben an das politische System und sind deshalb Orthodoxe. Organisationen und Akteure, die sich hingegen gegen das politische System stellen, sie sind die Heretiker.

Alle akzeptieren aber direkt oder indirekt den Machtanspruch. Und so sind sowohl die Orthodoxen als auch die Heretiker einer Art Feld-Effekt unterworfen, der vom System der Politik ausstrahlt. So bringe ich die Systemtheorie und den Feld-Begriff zusammen, die ansonsten für sich stehen.
Das Autonomiebestreben von Systemen erfasst alle Akteure darin; man muss dies nicht auf das politische Feld beschränken. Dauerhaft führt das dazu, dass die Akteure sich loslösen von den Verbindungen und sich von Abhängigkeiten befreien wollen. Wenn dies der Fall ist, erleben wir beispielsweise Diätenerhöhungen, die mehr oder weniger ausschließlich den Orthodoxen im politischen Feld nutzen. Gesetze und Regelungen werden getroffen, um die eigene Position zu stärken. Die Orthodoxen versuchen sich so gegenüber den Heretikern zu behaupten. Eine Diätenerhöhung bedeutet einen Vorteil gegenüber anderen, die sie nicht haben, und ermöglicht freieres Handeln im politischen Feld. Berufspolitiker sind von den Einkünften abhängig und würden sich selbst nur ungerne um ihr täglich Brot bringen.
Ein Koch im Bundestag oder das Reinigungspersonal dort würden – außer vielleicht verbal – kaum jemals entscheidende Schritte einleiten, das System zu Fall zu bringen, weil sie davon profitieren. So merken wir als Akteure in den Feldern oft nicht, wie wir von den Zwängen der Systeme, die dahinter stehen in unserem Handeln beeinflusst werden. Dass Wolfgang Schäuble nun das Bundesverfassungsgericht anrufen mag, um eine Verfassungsänderung zu bewirken, fällt ebenfalls in den Bereich des Festigung oder des Ausbaus der orthodoxen Position. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Bewegung im demokratischen Prinzip ist normal

Und so gibt es in Deutschland viele, die von unserem demokratischen Prinzip profitieren und also wenig dagegen tun wollten. Selbst dann nicht, wenn die Situation sich anspannt, wie beispielsweise in diesen Tagen, da in Heiligendamm der G8-Gipfel abgehalten wird. Die Demonstranten allerdings machen mit ihrem Protest lediglich Gebrauch von einem Mittel, das die Demokratie uns an die Hand gibt. Sie willigen grundlegend ein, das demokratische Prinzip nicht in Frage zu stellen. Und selbst die Gewalttäter dieser Tage wählen nur eine besonders extreme Form des Ausdrucks. Wenn Sie ihren Willen durchsetzen könnten, würde dieser keine Abkehr von der Demokratie bedeuten.

Alle diese Bewegungen im politischen Feld erscheinen manchmal recht unverständlich, sind jedoch wenig spektakulär, wenn man sie so interpretiert wie ich dies gerade versuche. Das Auf und Ab, das Hin und Her, es gehört dazu. Auch Krawalle und Ausschreitungen sind nur eine besonders extreme Form von Bewegung im politischen Feld. Machtverhältnisse werden eingerichtet, sie werden von anderen in Frage gestellt und es wird versucht, sie umzustoßen. Wer den Gedanken bis hierhin folgen konnte, wird zugeben können, dass ein Vertrauensverlust immer dann einsetzt, wenn die Orthodoxen zu sehr im Elfenbeinturm hausen und den Bezug zu den übrigen Akteuren verlieren. Das jedoch ist eine Folge des Automatismus zur Autonomie. Die Bestrebungen unabhängig zu sein, müssen zwangsläufig in einer Entkoppelung enden.

Fazit: Doch (k)eine Lösung

Wir sind derzeit an einem Punkt, da besonders viel Bewegung im politischen Feld herrscht. Das liegt offenkundig daran, dass die Orthodoxen sich besonders stark entkoppelt haben. Ein Event wie Deutschlands Sommermärchen konnte nur zeitlich begrenzt die zunehmende Distanz zwischen Volk und Repräsentanten übertünchen. Eine initiierte Leitkulturdebatte kann in meinen Augen als strategisches Handeln der Verantwortlichen interpretiert werden, ist jedoch nicht praktikabel, um die Lücke zu schließen, geschweige denn wirklich sinnvoll.

Schon zu Beginn habe ich formuliert, dass unter den gegebenen Voraussetzungen Vertrauensverlust immer wieder einhergeht mit den ganz normalen Bewegungen und Bestrebungen im politischen Feld. Doch gibt es auch hier die Möglichkeit, über Alternativen nachzudenken. Wir könnten uns aber auch dauerhaft mit den Nachteilen der Demokratie anfreunden. Es würde ein ständiges Auf und Ab geben, das mal schneller, mal langsamer sich vollzieht. Und immer wieder würde es zu manchen Zeitpunkten zu notwendigen Umbrüchen kommen, die nicht immer völlig frei von Gewalt ablaufen. Das lehrt uns der Blick in die Geschichte und das erfahren wir im Hier und Jetzt. Die einzige Frage, die demnach von Bedeutung ist. Wollen wir so weitermachen wie bisher?

Dies ist mein Beitrag für den Politischen Blog-Karneval.

Geschrieben von:
Geschrieben am: 07.06.2007
Zuletzt aktualisiert: 12.01.2016
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