Atheismus als Gretchenfrage

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Der Misanthrop1 hatte einen Blogkarneval zum Thema Atheismus und Religion/Gotteswahn initiiert. Der Spaß ist nun vorbei und herausgekommen ist mehr als eine Handvoll Beiträge, aber eben nicht viel mehr. Woran das liegen kann? Nun, vielleicht an der Einstellung der Leute. Wir sind keine Mitmachgesellschaft in der Freiwilligkeit als oberste Prämisse angenommen wird, sondern vielmehr eine Neidgesellschaft, in der eine Hand nur dann die andere wäscht, wenn sie sich davon etwas erhofft.

Religion ist nicht privat

Gibt es denn noch andere Gründe, warum der Erfolg von des Misanthrops Blogkarneval sich bescheiden ausnimmt? Nun, eine der Teilnehmerinnen schreibt in ihrem Beitrag, Religion sei eine private Angelegenheit. Sie notiert:

„Religion bzw. Nicht-Religion ist ein heikles Thema und man behält besser seine Meinung für sich. Auch ich würde darum eigentlich lieber einen Bogen machen, weil es ein sehr persönliches Thema ist und man sehr leicht missverstanden werden kann und/oder anderen auf die Füße treten kann.“2

Hier liegt einmal der erste Hase im Pfeffer begraben. Nicht Religion mag eine Privatsache sein, sondern allerhöchstens der Glaube. Und das, wo die Bloggerin selbst in ihrem Artikel auf eine Differenz zwischen Religion und Glaube hinweist; Religion ist so öffentlich wie nur irgendwas. Der Papst und andere religiöse Oberhäupter strömen in die Öffentlichkeit, um die verirrten Schafe ihrer Religionsgemeinschaften durch ihre Aussagen zu verunsichern und sie in die Arme von Rattenfänger à la Scientology zu treiben. Theologie als wissenschaftliche Disziplin kann auf eine lange Geschichte verweisen und strebt mit ihren Ergebnissen durchaus ebenso in die Öffentlichkeit. Religion lebt davon, öffentlich zu sein, weil man anders nicht nach Gleichgesinnten suchen kann.

Und nicht nur das, möchte man noch an Kritik zum Beitrag von Julia hinzufügen – vielmehr sind Missverständnisse nur natürlich. Hätten wir kein Missverstehen, würden wir auch kein Interesse an Verständigung haben. Ein Impuls von Kommunikation ist das Missverständnis.

Moral durch Glaube?

Nach Julia gibt es in diesem Bereich keinen erkennbaren Zusammenhang. Sie bemüht eine Statistik aus Amerika, derzufolge im so genannten „Bible Belt“, im besonders gläubigen Süden der USA also, besonders viele Menschen straffällig werden.

Einen Zusammenhang zwischen Moral und Religion indes kann man nicht wegdiskutieren. Denn die Religionen sind diejenigen Institutionen in unserer Welt, die sich dadurch auszeichnen, eine Morallehre überhaupt erst eingeführt zu haben. Mag sie dogmatisch sein und von Sanktionierungen begleitet, so ist doch Morallehre der katholischen Kirche eine Grundfeste unserer europäischen Gesellschaften. Selbst Wirtschaftsweise aus Großbritannien, die den klassischen Liberalismus3 predigten, oder der gute Nietzsche, der Gott tot sein lassen wollte, haben diese Erkenntnis konstatiert. Wir sind Kinder unserer Umwelt, und wollten wir auch nicht religiös sein, so sind wir es in Stücken trotzdem, immer dann, wenn wir uns auf unsere Moral berufen. Die Idee von Kants kategorischem Imperativ ist ein Konstrukt, das ohne die Religion nie zur Existenz gekommen wäre. Sich auf christliche Werte zu berufen, ist Thema in einem anderen, sehr lesenswerten Beitrag zur Blogparade gewesen und dort wird diese Position zumindest beginnend in Zweifel gezogen.4 Gerade mit Blick auf das Gesellschaftsgefüge und die Bedeutung des Festhaltens an den christlichen Werten im Kontext von Integration und Religionsfreiheit.

Glauben ist nicht gleich Glauben

Andreas G., ein weiterer Teilnehmer, spaltet Haare und erhebt die Stimme, wenn es darum geht, die Differenz zwischen Glauben und Glauben zu erklären.5 Ich ulke nicht darüber, sondern finde die Aufklärungsarbeit von Herrn G. in Ordnung. Ich kann mich mit seiner Annahme, Atheismus würde nicht zwingend einen Glauben benötigen, wie er einer herkömmlichen Definition nach zur Religion gehört zustimmen. Ich gebe allerdings zu bedenken, nicht jeder, der an die Theorie vom Urknall oder weitere naturwissenschaftliche Welterklärungstheorien glaubt, würde das tun.

Ich selbst bin nämlich der Überzeugung, dass man daran glauben muss. Wenn man nicht in die Mathematik vertraut und ihrer Logik Glauben schenkt, kann man sich nicht angemessen ihr gegenüber verhalten. Wenn ich zwar akzeptiere, dass nach dem Tod nichts kommt, muss ich dennoch akzeptieren lernen, dass ich nicht weiß, was den Ursprung ausmacht. Ich könnte darum streiten, ob das von Belang ist oder nicht, aber das können Philosophen weitaus besser. Und diese tun es mit einer glasklaren Logik, die mir selbst nicht behagt. Ich bin kein Logiker, ich bin ein Intuitiver.

In dubio pro Religionsfreiheit

Konstantin, der selbst an ein Leben (oder einen Himmel) nach dem Tod glaubt, spricht sich indes für Religionsfreiheit aus.6 Diskussionen jedweder Art würden andernfalls in einer Aporie enden, also der Ausweglosigkeit eine Lösung für ein bestehendes Problem zu finden. Stellt sich die Frage, ob man es sich mit dieser Haltung nicht zu einfach macht. Was tun, wenn man selbst sich raushalten möchte, andere aber nach wie vor für ihre Religion in den Krieg ziehen? Wie kann man sein Engagement für Religionsfreiheit nicht nur in einem Plädoyer enden lassen?

Diese Frage von mir ist sehr ernst gemeint. Wollen wir uns den Kopf drüber zerbrechen, werden wir in der Lage sein, zukünftig die Streithähne miteinander zu versöhnen. Aber wie? Eine Antwort auf diese Frage erfahren wir beim Lyriksplitter nicht, aber er bläst ins selbe Horn wie Konstantin und predigt Toleranz, Akzeptanz, Religionsfreiheit eben.7 Nach wessen Ebenbild eigentlich?

Dem Beitrag vom Tonnendreher merkt man an, dass die Annahmen des Autors stark von Implikationen ausgehen, die auf dem christlichen Religionsbegriff fußen.8 Er selbst glaubt nicht an die (christliche?) Religion. Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, schreibt er. Die schlechten, fragt er sich, dann ebenso? – Ein Beleg dafür, dass es sich hier um die Bibel im weitesten Sinn handelt, die er zur Grundlage seiner Fragen und Antworten macht. Ein Indiz aber für die Eingeschränktheit seiner Argumentation und derjenigen vieler anderer Beiträge der Blogparade. Wenn ich diese so lese, dann stelle ich fest, kann kaum einer der Autoren wirklich umfassend abwägen, einfach weil er oder sie kaum andere Religionen kennt.9

Nicht mal einen Bezug zu antiken religiösen Vorstellungen gibt es. Keine Rede von Polytheismus à la Rom oder Athen, kein Zeus als Göttervater von so vielen anderen göttlichen Gestalten. Aber auch kein Hinweis auf Naturreligionen, die zum Teil noch heute akut sind. Keine Vorstellung von Gaia, der Mutter Erde, oder anderem mehr. Wenn man in einem sehr eingeschränkten Spektrum argumentiert, bedeutet das zwangsläufig keine weitreichenden Antworten oder Argumente angeben zu können. Mit wem wollte man auf diese Art dann in einen Diskurs treten? Über den Tellerrand hinaus kann man nur tätig werden, wenn man den Staub jenseits des eigenen Porzellans aufwirbelt.

Der Rest vom Schützenfest

Gwendolan hat der Blogparade ebenfalls beigewohnt. Er schreibt in einem Community-Blog aus der Schweiz mehr oder minder eine Kritik zu einer (Hochschul-)Veranstaltung.10 Drum prüfe, wer sich ewig bindet – das Christentum ist in seinen Augen ein Ärgernis.

Wer auch immer Uriella sei, sie schweigt, und sie schwieg über den 10. März hinweg und konnte deshalb der Auslöser für das knappe Pamphlet auf kyriacou.ch sein.11 Zynisch, ein Ausdruck, der den Atheismus des Autoren impliziert, aber ansonsten im Vergleich zu vielen anderen Beiträgen der Blogparade eher schwächelnd daher kommt.

Nicht weniger schwach der Beitrag von Fabian.12 Und vielleicht trotzdem stark – stark subjektiv auf alle Fälle, clever auf keinen Fall. Indem er alle Religionsanhänger Spinner und Idioten schimpft disqualifiziert er sich auf jeden Fall für irgendeine Form von Diskurs.


  1. Blog existiert nicht mehr. 
  2. Vgl. http://49suns.de/2008-03-02/die-gretchenfrage-wie-einfach-ist-atheismus 
  3. Vgl. z. B. Thomas Hobbes, hier vor allem das Werk Leviathan. 
  4. Vgl. http://variaeteventualia.iblogger.org/wordpress/archives/3 
  5. Vgl. http://cimddwc.net/2008/02/24/gretchenfrage-gotteswahn-gestirne-gehirn-und-geist/ 
  6. Blog existiert nicht mehr. 
  7. Blog existiert nicht mehr. 
  8. Blog existiert nicht mehr. 
  9. Dies schließe ich nur von den Aussagen, die ich aus den Texten heraus lesen kann. Es mag sein, dass die Autoren durchaus andere Religionen kennen, aber sie beim Verfassen der Beiträge einfach außer Acht gelassen hatten. 
  10. Vgl. http://www.students.ch/community/user/blog/Gwendolan/4519 
  11. Vgl. http://www.kyriacou.ch/files/uriella_und_der_gottesbeweis.html 
  12. Blog existiert nicht mehr. 
Geschrieben von:
Geschrieben am: 17.03.2008
Zuletzt aktualisiert: 15.01.2016
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