Von Traffic, Nischen, Erfolg und den immerselben Fehlern

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Suchmaschinenoptimierer sprechen regelmäßig von Nischen, Traffic und Erfolg. Meist sogar davon, Geld zu verdienen. In meinen Augen macht diese “Branche” immer den gleichen Fehler.

Henne und Ei

Timo Kühne glaubt, dass die Nische das Huhn ist, dass Traffic notwendigerweise das Ei des Erfolges sein muss, und SEOs sich immer bewusst sind, wie ihre Beiträge auf Fachfremde wirken.1

Als Anfang der 1990er das Internet “flügge” wurde, war es für viele ein Hobby, Webseiten zu erstellen. Einige machten ihr Hobby zum Beruf und wurden Webdesigner. Manche hätten dies besser nicht getan.

Mit der Einführung von Suchmaschinen und deren Rankingfaktoren fingen Leute an, sich ein neues Hobby zu suchen: die Optimierung von Webseiten, damit diese in den Suchmaschinen besser gefunden werden. Es gibt in diesem Metier wieder Leute, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, und das besser nicht getan hätten.2

Mehr Traffic = mehr Umsatz?

Kühne schreibt, dass Webseiten-Betreiber mehr Traffic erzeugen sollten, damit sie mehr Umsatz generieren. Er erklärt richtigerweise, dass es gänzlich ohne Besucher nicht möglich ist, Geld mit einer Webseite zu verdienen.

Was genau bedeutet “Besucher”? Immerhin kann man ab dem ersten Besucher Geld verdienen im Internet. Je nachdem welches Geschäftsmodell man verfolgt, benötigt man gar nicht viele Besucher, um sein Vorhaben zu monetarisieren.

Bedeutet mehr Traffic in jedem Fall mehr Umsatz? Nein. Es kommt auf das Geschäftsmodell an, das man zugrunde legt. Gehen wir beispielhaft von einer Webseite aus, für die Inhalte produziert werden, und Lesern zur Verfügung gestellt. In diesem Kontext wird vor allem über Werbung versucht, Einnahmen zu erzielen. In diesem Fall kann man anhand der Besucherstatistiken relativ schnell feststellen, dass es keine eindeutige Zuordnung zwischen Traffic und Umsatz gibt. Es gibt Tage, an denen hat man 1000 Besucher hat und erwirtschaftet dabei 50 Euro€. Es gibt indes Tage, an denen hat man 10.000 Besucher und unterm Strich nur 25 Euro€ Werbeeinnahmen. Das sind zugegeben fiktive Zahlen.

Werbung nicht kontrollierbar

Speziell bei Werbung neben oder zwischen dem Inhalt kommt es nicht nur darauf an, dass man sie hat. Mit AdSense gibt es beispielsweise eine kontextsensitive Form von Banner-Werbung für Webseiten, die sehr beliebt ist und von vielen eingesetzt wird. Während vor ein paar Jahren die Verhältnisse relativ eindeutig waren, dass man Inhalte produzierte und gleichzeitig themenrelevante Werbung eingeblendet bekam, kommt es heute mehr denn je auf den Leser und sein Surfverhalten an.

Remarketing

Denn in diesem Kontext muss man das Stichwort Remarketing berücksichtigen. Ein Fall, den jeder selbst überprüfen kann, ist der Kauf in einem Onlineshop wie Amazon. Schließt man diesen nicht ab und besucht danach thematisch völlig fremde Webseiten, kann es passieren, dass man Werbung für Turnschuhe auf einer Webseite für klassische Musik angezeigt bekommt, oder die Bohrmaschine auf einer Webseite für Lyrik.

Manche Nutzer werden so an ihren Kauf erinnert, klicken auf die Anzeige. Andere hingegen sind von der ständig wiederkehrenden Werbung genervt und unterlassen es. In letzterem Fall würde das für den Webseiten-Betreiber bedeuten, dass er keine Einnahmen erzielt.

Ad-Blocker

Nicht vergessen sollte man außerdem diejenigen Besucher, die einen Ad-Blocker verwenden. Je nachdem, zu welchem Thema man Inhalte produziert, gibt es eine erhöhte Anzahl von Nutzern, die solche Werbeblocker verwenden. Kommt der Inhalt in ebenjener Gruppe besonders gut an, kann es sein, dass man zwar viele Besucher mit dem Inhalt anlockt, aber unter dem Strich aus diesem Grund nicht mehr Einnahmen erzielt.

Mehr Traffic = mehr Erfolg?

Kühne behauptet ferner, dass derjenige, der erfolgreich sein will, mehr Traffic benötigt. Ich halte dagegen, Erfolg kann man am Traffic nicht messen. Es gibt Webseiten, die ich lange Zeit nicht kannte, die ich vielleicht heute nicht wieder besuche, die aber mit dem Grimme Online-Award ausgezeichnet worden sind. Man könnte meinen, diese Webseiten seien erfolgreich… Hat das aber notwendigerweise mit Traffic zu tun? Meiner Meinung nach nicht.

Stellen wir uns eine weitere Webseite vor, eine die bei uns WordPress-Bloggern täglich im Spamfilter landet. So eine Webseite meine ich, die mit technischen Möglichkeiten die Inhalte anderer kopiert, sie unter einer neuen Domain als die eigenen ausgibt, und mithilfe von SEO versucht, möglichst weit vorne in den Suchergebnissen zu landen. Wenn es ganz dumm läuft wird diese künstlich produzierte Webseite für einen gewissen Zeitraum sogar mehr Besucher haben als das Original. Ist sie deshalb aber erfolgreicher? Ich denke nicht.

Die Nische ist ein Alibi

“Du brauchst also eine Webseite und mehr Traffic”, notiert Timo Kühne. Nein, ich brauche keine Webseite und mehr Traffic, sondern ich benötige eine Geschäftsidee. Wenn ich inhaltlich arbeiten möchte, brauche ich zuallererst ein Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen kann, über das ich schreiben, Filme drehen, Podcasts produzieren, oder in sonst irgendeiner Form Inhalte produzieren kann. Wenn ich einen Onlineshop betreiben wollte, bräuchte ich Waren und eventuell Dienstleistungen, die ich darüber anbieten möchte.

“Als erstes muss natürlich klar sein, in welcher Nische man tätig sein möchte. Am besten wäre eine Nische mit wenig Konkurrenz. Zudem sollte sie auch noch lukrativ sein.”
Timo Kühne

Je mehr ich von dem Zitat gelesen habe, desto größer wurde mein gedanklicher Widerstand. Am Anfang dachte ich noch, warum denn eine Nische? 127.000 SEOs haben bereits darüber geschrieben, dass man sich eine Nische suchen soll, damit man darin erfolgreich sein kann. Nur wer verbietet es mir, im Mainstream erfolgreich zu sein?

Die folgenden Sätze bekräftigen nur diese artifizielle Perspektive auf die Sache und blenden die Realität aus. Die Realität, mit der Otto Normal, der Webseiten-Betreiber, jedoch auskommen muss.

“Als Erstes sollte man eine Keyword Recherche mithilfe des Google Keyword Adwords Tool, Market Samurai, SECockpit oder der Sistrix Toolbox durchführen.”
Timo Kühne

Der Gedanke, den Timo Kühne dem Leser mitteilen will, wird immer künstlicher. Auf der Suche nach der richtigen Nische sollen einem SEO-Tools helfen. Man sucht sich Keywords, zu denen es nicht so viele Inhalte in den Suchmaschinen gibt, pickt sich die Rosinen in der Form raus, dass man ein Thema wählt, das besonders hohe Werbepreise erzielt. Wie einfach es doch ist, reich zu werden im Internet?

Kühne war es aber, der seinen Text damit begann, dass er aufräumen wollte mit einem Vorurteil. Ich behaupte, er merkt nicht, wie er genau dieses weiter pflegt, indem er solche Beiträge schreibt.

Der Grund, warum Leute enttäuscht sind von SEOs, die ihnen versprechen, im Internet könne man Geld verdienen, ist, dass sie auf der Suche nach ihrem Heil auf Einträge wie den von Kühne stoßen: “Mehr Traffic bedeutet unmittelbar mehr Umsatz und Erfolg”.

Einträge wie der von Kühne gehen an dem Vermögen derer vorbei, die nach Möglichkeiten suchen, sich im Internet selbständig zu machen.

Das ist nämlich der Grund, warum es nicht so “fluppt” und nicht zum Erfolg führt. Otto Normal kann nicht einfach “irgendeine Nische” suchen, schrottigen Content produzieren und erfolgreich sein. Die meisten verlässt irgendwann die Lust, eben weil sie nicht erfolgreich sind. Solche Projekte sind sehr oft zum Scheitern verurteilt.

Erfolg geht anders

Ich behaupte nicht, dass SEOs mit ihren Strategien keinen Erfolg haben können: Ich kenne Leute, die kaufen Webseiten oder Foren, wenn sie das nötige Kleingeld haben. Manche haben klein angefangen. Das ist ein bisschen wie bei Immobilienmaklern. Aber nicht in jedem Fall stellt sich bei ihnen der Erfolg ein.

Ich kenne Personen, die mit Nischen wie Altenpflege, Familiengründung oder Autozubehör und Lebensversicherungen versucht haben Geld zu verdienen. Bei ihnen frage ich mich, warum ich sie überhaupt kenne. Denn die meisten haben tatsächlich keine Ahnung von den Inhalten. Deshalb sind ihre Webseiten leider nicht mehr als Internet-Müll, der mit Werbung zugekleistert ist. Solche Leute sind faktisch Unternehmer, Webseiten-Unternehmer.

SEOs, die ihren Strategien folgen, sind ebenfalls Webseiten-Unternehmer. Nur nicht jeder kann Unternehmer sein. So wie nicht jeder auf diese künstliche Art und Weise Webseiten führen und optimieren kann.

Beiträge, die das suggerieren, gehen nicht auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse derjenigen ein, die sich gerne selbständig machen möchten. Denn wer im Internet Geld verdienen möchte, der muss zunächst bei sich selbst anfangen, und sich fragen, was er am besten kann. Wenn das nicht Schreiben ist, sollte man Abstand davon nehmen, eine Webseite mit inhaltlichem Schwerpunkt zu erstellen. Wenn das nicht das Aufnehmen von Podcasts oder das Sprechen vor der Kamera ist, sollte man nicht eine Karriere als YouTube-Profi einplanen. Zumal diese noch die Kompetenz beim Videoschnitt zusätzlich erfordert. Wenn man am Ende des Tages auch nicht die Suchmaschinenoptimierung zu seinen Tugenden zählt, dann muss man den eigenen Erfolg gar nicht im Internet suchen und kann die eigenen Ressourcen lieber “offline” investieren, um dort Umsätze zu erzielen. Das geht. Heute immer noch. Denn nur weil es das Internet gibt, ist die Welt dort draußen nicht verschwunden.


  1. Vgl. http://traffic-royal.de/allgemein/mehr-traffic-bedeutet-unmittelbar-mehr-umsatz-und-erfolg/
  2. Damit möchte ich Timo Kühne ausdrücklich ausnehmen, da ich nicht beurteilen kann, ob er der prototypische Suchmaschinenoptimierer ist. 
Geschrieben von:
Geschrieben am: 07.08.2012
Zuletzt aktualisiert: 01.02.2016
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