, den 14.01.2015 (Letztes Update: 13.03.2018)

Bildungsbürger Lünenbürger-Reidenbach vs. Naina

Bildung
Bildung - Abbildung

Sozialwissenschaftlich nicht ganz wasserdicht ist die These, dass der Doppelname von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach etwas mit seiner Sozialisation zu tun hat. Der selbsternannte Bildungsbürger schwingt sich auf, die Forderung nach mehr Realität und weniger Gedichtanalyse in Schulen klein zu reden. Die forderte unlängst aber die Abiturientin Naina auf Twitter.

Doch Lünenburger-Reidenbach möchte, dass seinesgleichen möglichst weiterhin ohne nachzudenken vom Bildungssystem an den Eliten-Tropf gehängt werden kann.

Schule bildet, aber nicht fürs Leben!

Gymnasiastin Naina veröffentlichte vor kurzem einen Tweet, der die Lehre im Bildungssystem in Frage stellt. Ihre Argumente sind keinesfalls neu, twittert sie doch:

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“
Naina (@nainablabla)

Der selbsternannte Bildungsbürger Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach würde womöglich – ich möchte ihm dies nicht unterstellen – gerne reflexartig den Rotstift rausholen und aus dem fehlerhaften „Gedichtsanalyse“ ein korrektes „Gedichtanalyse“ machen. Warum eigentlich? Weil er versucht die Norm vorzugeben. Dies steht jedoch im Widerspruch zu einigen Grammatikregeln, die er und seinesgleichen selbst angehäuft haben, und viele von uns verleiten genau das zu schreiben, was Naina schrieb. Sprache ist widersprüchlich und nicht eindeutig. Das gehört zu ihrer Natur. Da beißt sich die Katze der Bildungsbürger in den Schwanz.

Ausbildung ist kein Ersatz

Ich kann ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung schildern, warum Schule nicht fürs Leben bildet, Ausbildung aber ebenso wenig: Eine Freundin, die ich noch zur Schulzeit kennenlernte, hatte jenseits der 18 Jahre zu keiner Zeit einen Überweisungsbeleg ausgefüllt, was ihre Interaktion und Kooperation bei einem gemeinsamen Kauf von Konzertkarten als Geschenk für andere zu einem Erlebnis für uns beide machte, da ich ihr zu diesem Zeitpunkt zeigen konnte, wie man so etwas macht, damit ich meinen „Anteil“ zurückerhielte. Was für mich vollkommen normal war, war für sie eine große Hürde. Das würde sie heute immer noch so sagen.

Doch die Realität von Herrn Lünenbürger-Reidenbach nimmt an, was sie in der Schule nicht lernen sollte, das hat ihr die Ausbildung beigebracht. Pustekuchen! Tatsache ist, dass die erwähnte Freundin zu diesem Zeitpunkt ihre Berufsausbildung beinahe abgeschlossen hatte.

Das Argument von Herrn Lünenbürger-Reidenbach ist jedoch, dass „Steuern, Miete oder Versicherungen“ nicht Teil des Bildungsauftrages sein dürfen, sondern vielmehr des „Ausbildungsauftrages“. Wenn man nicht gerade den Ausbildungsberuf eines Kaufmanns lernt, und selbst dann, wird man mit Themen wie diesen nicht konfrontiert. Und auch in einem Studium der BWL oder VWL geht es nicht darum, wie man ein Fahrzeug anmeldet oder seinen Wohnort beim Einwohnermeldeamt anzeigt.

Erziehung weist Lücken auf

Wenn man einen Strich unter diese Rechnung macht, stellt man fest, dass irgendwann in der Sozialisation der Menschen etwas schief gegangen sein muss. Wir können nicht kochen, wir können keine Versicherungen abschließen, wir machen Schulden, weil Leute uns mit dubiosen Verträgen übers Ohr hauen. Ich sage bewusst „wir“, selbst wenn ich nicht betroffen bin, weil ich lieber zu dieser Gruppe gezählt werden möchte als zu den Bildungsbürgern. Das Totschlagargument aus dem Elfenbeinturm in einer solchen Diskussion lautet: Erziehung. Nur was, lieber Herr Lünenbürger-Reidenbach wollen Sie Parentalgenerationen abverlangen, die selbst gar nicht in der Lage zur Lösung der Steuern-Mieten-Versicherungen-Gleichung sind? Diese mehr in die Verantwortung zu nehmen hilft den Kindern nicht, sondern verschleppt die Problemkonstellation.

Wenn es um Bildung und Ausbildung geht, dann ist eines ganz eindeutig: Wir lernen zwar unser ganzes Leben, doch gerade die „wichtigen“ Dinge, sollte man zu Beginn seines Lebens beigebracht bekommen, damit man sich in der Gesellschaft behaupten kann. Dass Gedichte nicht von der Agenda der Schule verschwinden müssen, andere Themen jedoch dringend hinzugefügt, stellt keinen Widerspruch dar!

Bildung wird bestimmt von Bildungsbürgern

Doch genau an diesem Verteidigungs-Reflex, ob er nun von Herrn Lünenbürger-Reidenbach selbst stammt, oder von anderen Mitgliedern der Gruppe der Bildungsbürger, zu denen er sich zählt, lässt sich etwas ablesen. Nämlich, dass diese Gruppe mit ihren eigenen Waffen ein System tradiert, das den Bildungsbürgern heute zu dem verhilft, was früher als Standesrecht anderen Leuten zufiel.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach nennt die Forderungen von Naina ein „klassisches rechtskonservatives Schulziel für die Masse“ und wertet sie damit ab, stellt sie in eine Ecke. Vielleicht hätte er Naina fragen sollen, ob sie ihm bei seiner Einschätzung beipflichtet. Oberflächlich betrachtet macht die junge Abiturienten jedoch alles andere als den Eindruck, ein rechtskonservativer Hardliner sein zu wollen.

Dann gehen mit ihm die Gäule durch: „Call me Bildungsbürger, aber ich finde es großartig, dass wir da heute weiter sind“, schreibt er. Er selbst stamme nicht aus einer Arbeiterfamilie, sondern entspringt dem Schoß einer Mischung von Akademikern und Kleinbürgern. Mag ihm also die Empathie für die Arbeiterkinder abgehen, ist ihm die Meinung trotzdem gestattet. Nur wird es dadurch nicht besser.

Dann verweist er auf eine vermeintlich „empathische Kritik am reaktionären Antiintellektualismus heutiger Pseudoeliten“. Arbeiterkinder und deren Parentalgeneration kann Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach damit nicht meinen, denn die sind weder Pseudo noch Elite!

Wie viele Studien zu Ursachen von Bildungsungleichheit muss man dem werten Herrn vorlegen, bis er versteht, dass er selbst Teil des Problems ist. Mann möchte ihm zurufen: „Sie können den vertikalen Aufstieg, der in den 70ern versprochen und aber nie erreicht wurde, damit nicht erklären!“

Lediglich Arbeiterkinder, die überdurchschnittlich intelligent sind oder viel Glück haben, können ihre Herkunft im Bildungssystem vergessen machen, weil nämlich gerade Bildungsbürger die Rahmenbedingungen festlegen und alle jenseits von Gut und Böse durchfallen lassen, die mit Ihrer Gedichtbesprechungs-Ideologie nichts anfangen können. Es gibt genügend Belege dafür, dass Leute wie Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach „als Bildungsbürger“ daran Schuld haben, dass die Gewinner des Bildungssystems höchstens ihr eigener Nachwuchs ist.

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