#imzugpassiert: Künstliche Debatte über ein reales Thema

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Twitter: Abbildung des Fail-Whale

Sexismus ist quasi überall, schreibt Britta Kollenbroich bei Spiegel Online. Damit hat sie Recht. Das liegt aber an der Definition, die ziemlich künstlich vorgenommen wird. Und noch etwas ist künstlich: Die Debatte, die jetzt unter dem Hashtag #imzugpassiert geführt wird. Denn in der Realität gibt es Probleme, die nicht nur im Zug stattfinden.

Unvorhergesehenes erzeugt Befremdlichkeit

Als ich vor mehr als 10 Jahren in der Roonburg in Köln auf einer Single-Party mit einem Freund unterwegs war, hat mir eine Ü30-Frau an den Hintern gepackt. Weder wussten wir vorher, dass wir auf eine Single-Party gehen, noch wusste ich damals, wie ich mit der Berührung einer fremden Frau umzugehen habe.

Zu einer anderen Gelegenheit im Club „Das Ding“ an den Ringen in Köln flirtete mich ein wildfremder Mann auf der Toilette an. Beide Situationen waren für mich ähnlich befremdlich. Letztere, weil ich mich Frauen hingezogen fühle und nicht mit dem Flirtversuch eines Mannes umzugehen wusste. Erstere Situation erschreckte mich – wenn ich heute drauf zurückblicke – wohl wegen des Kontrollverlusts. Vielleicht hätte der Gegenüber genauso reagiert, wenn ich ihr unvermittelt einen Klaps auf den Hintern gegeben hätte.

Doch in der Zwischenzeit ist das viele Male als Neckerei im Alltag in mehreren Beziehungen passiert, vice versa. Es hat sich also niemand über den Klaps aufgeregt, weil beide damit einverstanden waren. Genau das scheint aber in den Zügen dieser Welt nicht mehr zu gelten, diesem rechtsfreien Raum: gegenseitiges Einverständnis. Was auf den Zug kapriziert wird, ist in Wahrheit ein allgegenwärtiges Problem, das überall zugegen ist und nur von solchen Leuten als Problem empfunden wird, für die es ein Problem ist. Was derzeit unter dem Hashtag #imzugpassiert debattiert wird, wurde in den Jahren zuvor unter anderen Hashtags ebenfalls von tausenden Leuten zur Sprache gebracht. Es kann also kein Einzelfall sein und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man nicht mehr abstreiten kann, dass es sich bei den Betroffenen nur um eine Minderheit handelt.

Sozialisation fehlgeschlagen?

Was aber würde passieren, wenn wir annehmen müssten, dass es der Mehrheit so ergeht? Dann hätte diese definitiv etwas verkehrt gemacht. Denn Auswüchse wie sexuelle Übergriffe oder anzügliche Anmachen sind Ergebnis von Erziehung und Sozialisation. Wenn wir es anders wollen, müssen wir die neuen Generationen darauf abrichten.

Ich glaube nicht, dass es die quantitative Mehrheit ist, weil die allermeisten Leute selten mit Fremden in ihrer Umwelt agieren. Das hab ich als Information noch aus meinem Soziologiestudium im Hinterstübchen behalten. Um es mit Horst Schlämmer zu sagen: Das ist statistisch. Zumal in Deutschland, wo Nachbarn in Mehrfamilienhäusern sich nicht mal beim Namen kennen. Es gibt andere Länder, da wird auf offener Straße interagiert, da treffen sich Leute zum gemeinsamen Stelldichein. In deutschen Zügen wird gelesen, Musik gehört, mit dem Handy gespielt und getextet. Gruppen unterhalten sich untereinander, Pärchen vielleicht, oder sie schweigen sich an. Man spricht, wenn überhaupt, mit dem Schaffner, wenn man muss. Oder eben mit Personen, die sich einem Aufdrängen. Aber es gibt nicht nur sexistisches Aufdrängen. Es gibt Junggesellenabschiede (auch von Frauen), es gibt betrunkene Fußballfans auf dem Weg zum nächsten Heimspiel und es gibt Hinz und Kunz. Menschen in Zügen kommunizieren meist dann, wenn es besonders voll ist, und sie nicht anders können. Wenn einer fragt, ob man nicht doch noch Platz machen kann und jemand zum xten Mal ruft, dass man weiter durchgehen soll, obwohl er oder sie sich nichtmal die Mühe macht, überhaupt zu prüfen, ob dies noch möglich ist. So kommt es manchmal sogar zu Spannungen. Spannungen gibt es in Zügen vor allem während der Ferienzeit und im Berufsverkehr und wenn der Zug mal wieder ausfällt oder Verspätung hat.

Sturm im Wasserglas?

Kann man aber die Hashtags als Sturm im Wasserglas bezeichnen? Oder zieht das gleich einen Sturm der Entrüstung nach sich? Mit Sicherheit gibt es tausende Tweets von Betroffenen dort draußen und es gibt „wirklich wirklich“ ein Problem. Doch man löst es nicht mit solchen Insel-Diskussionen für Eliten auf Twitter. Diese sind künstlich und verlieren den Bezug zur Realität genauso wie viele (nicht alle) Medienschaffende, die sie aufnehmen und ihnen keinen Gefallen damit tun. Denn der „Shitstorm“, den man vor Jahren noch gefürchtet hat, ist mittlerweile zum Markenzeichen geworden. Er gehört zum guten Ton. Wer keinen erzeugen konnte, der ist schlechter dran als diejenigen, über die er bereits hereinbrach.

Genauso sind Hashtag-Debatten nur virtuelles Säbelrasseln, das im digitalen Nirvana verstummt. Wenn irgendwo von einer Hashtag-Diskussion zu lesen ist, dann schalten viele Leute bereits ab. Sie nehmen dieses Medium (und die Personen dahinter) nicht ernst. Es sei denn, irgendjemand macht aus dem Twitter-Ding eine transmediale Inszenierung. Die Leute müssen dieses Thema auf die Agenda in der „richtigen“ Welt bringen. Man muss es auf Elternabenden diskutieren, unter Arbeitskollegen und an Stammtischen. Man kann es aber auch gegenüber Politikern zur Sprache bringen, wenn gerade wieder Wahlveranstaltungen anstehen.

Aufgeben gilt nicht

Möglicherweise würde es schon helfen, die Leute zu informieren, welche Optionen zum Protest ihnen zur Verfügung stehen. Unter dem Hashtag #imzugpassiert schildern wildfremde Menschen derzeit, was ihnen an unangenehmen, meist sexuell anzüglichen Dingen im Zug passierte. Darunter ist Sigi Maurer von den Grünen in Österreichs Nationalrat. Sie wurde von einer Gruppe „Männer“ belästigt. Der Schaffner wies die „Burschen“ aber nur zurecht. Sie klagt also sowohl den Schaffner als auch die Burschen an. Da der Schaffner ihr nur unzureichend geholfen hat, muss man fragen, warum sie sich nicht bei der Bahn beschwert hat, warum sie den Vorfall nicht bei der Polizei zur Anzeige gebracht hat und warum sie nicht schlimmstenfalls einfach den Boulevard eingeschaltet hat, der so etwas liebend gerne von einer Grünenpolitikern im Nationalrat erfahren hätte. Will sagen: Aufgeben gilt nicht.

Männer sind auch Menschen

Im selben Zusammenhang zeigt sich ein anderes Problem an dieser virtuellen Debatte, in der gerne alle so tun als wären sie in einer Blase und die überdies noch einmal bestätigt, dass es sich dabei um eine „künstliche“ Debatte handelt. Eine Twitter-Nutzerin klagt, dass alle negativen Reaktionen auf ihren #imzugpassiert-Tweet jeweils „von Typen“ gekommen wären. Typen sind auch Menschen. Genau genommen sind Männer sogar knapp genauso oft auf der Welt vertreten wie Frauen. Die Typen aber, die ihr geantwortet haben, sind zudem nicht „alle“ Typen auf dieser Welt. Wer nicht in Schubladen gesteckt werden will, sollte keine aufmachen.

Das macht diese Diskussion zwar nicht leichter, aber als Individuum sollte man nicht voraussetzen, dass man überall offene Türen einrennt. Nur weil man selbst so denkt, „müssen“ andere das noch lange nicht tun. Das zeigt sich überall auf dem Globus, jeden Tag. Donald Trump und die AfD sind nur zwei populäre Beispiele aus der jüngsten Zeit, die zeigen, dass die Welt uneins ist in vielen Dingen. Wenn man nicht unsittlich angefasst oder angesprochen werden möchte, sollte man dafür sorgen, dass die Gesellschaft dieses Ziel teilt, anstatt sich aus einem Elfenbeinturm heraus in Sturzbäche von oben herab zu ergießen. Denn Erziehung beginnt an der Basis, nicht auf Twitter.

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Geschrieben am: 26.03.2016
Zuletzt aktualisiert: 27.03.2016
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